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Berichte

Gespenster auf Müllkippen

Das Jahr im Rückblick. Heute: Afrika. Westzentrismus und Unabhängigkeit passen nicht zusammen

(von Von Gerd Schumann, junge Welt)

Manchmal, allerdings nur äußerst selten, gelangt ein kleiner Teil der bitteren Wahrheit über den Zustand des afrikanischen Kontinents an die Weltöffentlichkeit. Im zurückliegenden Jahr geschah dies exakt am 4. September, und es war keinesfalls das Ereignis selbst, das dafür sorgte, sondern dessen Folgen. An diesem Tag berichteten Medien erstmals über 581 Tonnen hochgiftigen Mülls, der im Auftrag einer niederländischen Firma von Eu­ropa nach Côte d'Ivoire verfrachtet und dort an verschiedenen Orten abgekippt worden war.

581 Tonnen petrochemischen Abfalls, durchsetzt mit hochtoxischem Schwefelwasserstoff und Kohlenwasserstoff, einfach abgekippt! Sieben Tote, 23000 Menschen in Notbehandlung, Medikamentenmangel, Chaos in den sowieso überlasteten Krankenhäusern von Abidjan, der verslumten Millionenmetropole am Atlantik. Die EU schickte Experten, die in ihren weißen Seuchenanzügen wie Gespenster auf den Müllkippen der Stadt herumirrten. Noch Mitte Dezember tappten sie im dunkeln, ob elf oder 14 Plätze saniert werden müßten.

Auf den letzten Plätzen

Afrika als Müllkippe der reichen Länder, die der Welt ihr neoliberales Gesellschaftssystem übergestülpt haben: Nirgendwo zeigen sich die katastrophalen Auswirkungen der Globalisierung so intensiv wie südlich der Sahara. Dort befinden sich 33 der insgesamt 49 ärmsten unter den armen, am wenigsten entwickelten Ländern (LLDC) – 27 von ihnen auf den 27 letzten Plätzen. Dann und wann wird denen gütig und spektakulär ein Schuldenerlaß in Aussicht gestellt: Die Mächtigen garnieren sich und ihre Fürsorglichkeit telegen mit dem karitativ daherkommenden Bono und verkünden großspurige Programme. Unter Titeln wie Anthony Blairs »Our Common Interest« (Unser gemeinsames Interesse) heucheln sie Partnerschaft und koppeln doch lediglich Schuldenablässe an die für den schwächeren Partner tödlichen Auflagen des Neoliberalismus, die da lauten: Privatisierung und Freihandel.

Auf der Strecke bleiben ungezählte Millionen Menschen. Hunger, Durst und Krankheiten wie AIDS sorgten dafür, daß in den subsaharischen Gebieten die Lebenserwartung bei der Geburt von 65 Jahren 1990 (Botswana) auf 32 Jahre 2005 (Sambia) sank. Der Durchschnitt insgesamt beträgt weniger als 50 Jahre. Während derzeit in Afrika 25 Prozent aller Krankheitsfälle weltweit registriert sind, ergreift immer mehr medizinisches Fachpersonal die Flucht. Gelockt von lukrativ wirkenden Angeboten aus dem Norden und dem Westen der Erde emigrieren laut Le Monde diplomatique (12/2006) jährlich 20000 gut ausgebildete Ärzte und Krankenschwestern.

Ansonsten bleiben Afrikaner in den reichen Ländern unerwünscht. Die Abschottung Europas und der USA funktionierte 2006 zusehends perfekter: Aus den spanischen Kolonialexklaven Ceuta und Melilla gelangte kein Flüchtling mehr auf den europäischen Kontinent, und also riskierten die Verdammten der Erde, Abteilung Afrika, ihr Leben auf dem Mittelmeer oder dem Atlantik. Wer nicht ertrank und also durchkam nach Malta, Sizilien, Lampedusa oder die Kanaren, wurde zunächst ins Lager und dann mit One-Way-Ticket ins Flugzeug gesteckt – ins zentralafrikanische Bangui oder ins nigerianische Abuja beispielsweise. Dort gehörten die Rückkehrer dann wieder zu den etwa neun Zehnteln der Bevölkerung, die sich mit umgerechnet weniger als einem Dollar täglich durchschlagen müssen, derweil eine kleine nationale Elite den Ausverkauf des Landes betreibt. Diese wiederum bestimmt zwar über die jeweiligen Reichtümer des Landes – allerdings lediglich häufig im engen Rahmen außerkontinentaler Vorgaben vor allem seitens der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds.

Wo deren Regeln und Auflagen nicht funktionieren, greifen andere Mechanismen zur Sicherung einer funktionierenden Ausbeutungsstruktur für Öl, Gas, Edelsteine, Kautschuk, Coltan und weitere Schätze. So stehen in acht von 50 afrikanischen Staaten UN-Soldaten. Beschlossen ist für 2007 als weiterer Einsatzort das zerrissene, von anderthalb Jahrzehnten Kriegszustand gebeutelte Somalia, dem nun – nach der kurzen Friedensperiode seit Vertreibung der US-gesponserten Clan-Milizen im Sommer 2006 – erneute Kämpfe bevorstehen. Die Lage am Kongo-Fluß, wo das UN-Mandat für die EU-Truppe am 30. November endete, jedoch weiterhin 18000 robust mandatierte Blauhelme stehen, bleibt fragil. Präsident Joseph Kabila könnte tatsächlich versuchen, die Bodenschätze für das Land selbst zu beanspruchen – und sich im Westen neue Feinde machen.

Und ob der Sudan dem Westen in Sachen seiner Westprovinz Darfur weiter trotzt? Immerhin reicht die Menschenrechtsfront von Washington über London nach Berlin und eint George W. Bush, Heidemarie Wieczorek-Zeul und Claudia Roth. Diese zeichnet eine politisch motivierte selektive Wahrnehmung der Grausamkeiten in Darfur ebenso aus wie ein ausdauerndes Beharren auf militärischem Engagement. Das befördert letztlich die Kriegsgefahr in der gesamten Region, in der zudem Frankreich mit Fremdenlegionären präsent ist.

Doch trotz alledem, trotz der krassen neoliberalen Diktate: Es bilden sich Gegentendenzen heraus. Peking setzte auf dem 3. China-Afrika-Gipfel Anfang November ein vielversprechendes Signal für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit. Natürlich wurde es von den ehemaligen Kolonialmächten heftig kritisiert, und natürlich diente dazu der Vorwurf, Menschenrechte würden verletzt – in diesem Fall in Simbabwe, wo schwarze Bevölkerung, gedeckt von der Regierung Mugabe, weißes Siedlerland besetzt.

Ärmer als zuvor

Klare Worte hierzu fand jüngst Jacob Zuma, voraussichtlicher Präsidentschaftskandidat des ANC im mächtigen Südafrika: Er bezweifelt angesichts des Unheils, das Washington, London und andere als Krieger gegen den Terror im Namen »der Demokratie« anrichteten, grundsätzlich deren Recht zur Kritik. Afrika »wurde 1885 auf der Berliner Kongo-Konferenz aufgeteilt; während des Kalten Krieges hat der Westen dann übelste Diktatoren unterstützt. Wir mußten gegen die Europäer um unsere Unabhängigkeit kämpfen, und die Auflagen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds haben die Menschen in Afrika vielerorts noch ärmer gemacht, als sie ohnehin schon waren.« (Der Spiegel, 51/2006)

Inzwischen kursiert in Sachen Afrika das Wort von einer »zweiten Unabhängigkeit« – nach Kolonialismus und dessen neokolonialer Variante nun eine Befreiung vom Imperialismus in seiner neoliberalen Ausprägung. Die Spannung wächst, wie das Weltsozialforum, das in Kenia vom 20. bis 25. Januar 2007 zusammenkommt, auf den Kontinent blicken wird. Daß Westzentrismus und Unabhängigkeit nicht zusammenpassen, dürfte eine der großen, auf dem afrikanischen Kontinent hautnah erfahrbare Wahrheit sein. Sie schließt das klare Nein zu Interventionen aller Art ein, zwischen dem Golf von Guinea zu dem von Aden, zwischen Horn und Kap.

 

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