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Weltsozialforum 2026: Westafrikanische Gegenentwürfe zum grünen Rohstoff-Extraktivismus Europas

Beim Weltsozialforum geht es um Alternativen zur extraktivistischen Weltwirtschaftsordnung. Anlass sind die negativen Folgen der EU-Rohstoffpolitik für Umwelt und Menschen in Westafrika, die durch die grüne Transformation sogar noch zunehmen könnten.

(von Lotte Jäger, TABLE)


Lotte Jäger (WEED)

Während in Brüssel neue Rohstoff- und Handelspartnerschaften zur Sicherung des europäischen Rohstoffbedarfs verhandelt werden, diskutieren die Teilnehmer*innen des Weltsozialforums in Cotonou (Benin) diese Woche über deren Kehrseite: Landverlust, Umweltzerstörung, Armut und die sozialökologischen Folgen eines exportorientierten Rohstoffmodells.

Die EU sorgt sich um ungehinderten Zugang zu strategischen Rohstoffen - die Menschen in den Abbauregionen Westafrikas dagegen um die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen. Solange europäische Rohstoff- und Handelspolitik einseitig auf Versorgungssicherheit ausgerichtet ist, hält sie eine internationale Arbeitsteilung aufrecht, die afrikanischen Ländern immer wieder die Leiter industrieller Entwicklung und wirtschaftlicher Souveränität wegtritt. Tatsächlich dient der Zugriff auf solche Rohstoffe längst nicht allein der Energiewende, sondern zunehmend auch industrie-, sicherheits- und geopolitischen Interessen. Unter dem Deckmantel der grünen Transformation werden so koloniale Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse fortgeschrieben.

Im Mittelpunkt des diesjährigen Weltsozialforums stehen Klima- und Umweltgerechtigkeit, Dekolonisierung sowie solidarische Alternativen zur extraktivistischen Weltwirtschaftsordnung. Das Treffen bringt als Gegenentwurf zum Weltwirtschaftsforum in Davos (Schweiz) seit über 25 Jahren soziale Bewegungen und zivilgesellschaftliche Organisationen aus aller Welt zusammen. Dass es jetzt in Benin stattfindet, lenkt den Blick auf eine Region, in der die verheerenden Folgen dieses Systems besonders spürbar sind – die jedoch in europäischen Debatten meist ausgeblendet werden.

Die wirtschaftliche Verflechtung zwischen der EU und Westafrika ist eng: Mit einem Handelsvolumen von rund 68 Milliarden Euro ist die EU der wichtigste Handelspartner der Region. Westafrika exportiert vor allem Rohstoffe und Agrargüter: Kakao aus Côte d'Ivoire, Ghana und Nigeria, Baumwolle und Cashew aus Benin, Gold aus Ghana und Mali oder Bauxit aus Guinea.

Exportiert werden – wie schon zu Kolonialzeiten – vor allem unverarbeitete Rohstoffe. Der größte Teil der industriellen Verarbeitung und der Wertschöpfung entsteht dagegen in Europa und Asien.

Was in Westafrika bleibt, sind Umweltzerstörung, Landkonflikte und existenzielle Not. In Benin hat sich die Cashew-Anbaufläche innerhalb weniger Jahre nahezu verdoppelt und breitet sich zunehmend in Schutzgebiete aus. Der intensive Baumwollanbau degradiert Böden und gefährdet die Gesundheit der Bevölkerung durch den massiven Einsatz giftiger Pestizide. In Guinea verlieren Gemeinden durch den expandierenden Bauxitabbau ihr Land und den Zugang zu sauberem Wasser. Der Goldabbau verseucht Flüsse und Böden mit Schwermetallen, während der Kakaoanbau in Ghana und Côte d'Ivoire die Entwaldung vorantreibt und Millionen Kleinbäuer*innen trotz boomender Weltmarktpreise in extremer Armut hält.

Gleichzeitig drohen sich die negativen Folgen von Extraktion, Umweltzerstörung und wirtschaftlicher Abhängigkeit zu verschlimmern. Grund ist der wachsende Bedarf der EU-Staaten an Rohstoffen etwa für die Elektromobilität – und zunehmend auch für die Aufrüstung.

Gildas Hodjigue von der Initiative für Nachhaltige Entwicklung Benin (IDD-NGO) warnt vor der Gefahr eines "grünen Extraktivismus": "Der europäische ökologische Wandel beruht auf verstärkter Rohstoffgewinnung in Afrika und wälzt die damit verbundenen Umwelt-, Gesundheits- und Sozialkosten auf die afrikanischen Gemeinschaften ab. Das ist die Fortdauer eines aus der Kolonialzeit stammenden Modells: Es behindert lokale Industrialisierung, öffentliche Einnahmen, menschenwürdige Arbeitsplätze und die wirtschaftliche Souveränität der Erzeugerländer."

In Cotonou entstehen basierend auf Süd-Süd-Allianzen Gegenentwürfe zu dem Modell. Ibrahim Hamadou, Koordinator des Agroökologischen Transitionsprogramms Westafrika (APAESC-AO) erklärt dazu: "Wir fordern einen agrarökologischen Wandel und fairen, solidarischen Handel. Wir streben eine Stärkung regionaler und panafrikanischer Lieferketten an, die Verringerung der Abhängigkeit von europäischen Märkten und fordern wirtschaftliche Dekolonisierung, etwa durch die lokale Verarbeitung von Ressourcen zur Schaffung von Arbeitsplätzen und zum Verbleib der Wertschöpfung in Afrika.“ 

Zugleich verlangen sie von Europa, seine historische Verantwortung für die koloniale Ausbeutung anzuerkennen, Reparationen für deren bis heute fortwirkende soziale und wirtschaftliche Folgen zu leisten sowie Klimaanpassung zu finanzieren.

Das Weltsozialforum diskutiert nicht etwa eine reformierte Rohstoffpolitik, sondern eine grundlegende Transformation internationaler Zusammenarbeit. So betont Burry Tunkara, Koordinatorin des westafrikanischen Bündnisses für Land- und Wasserrechte (CGLTE-OA): "Wir bitten nicht um einen Platz an ihrem Tisch – wir bauen unseren eigenen."

(Lotte Jäger arbeitet als Referentin für Wirtschaft und Menschenrechte bei der NGO World Economy, Ecology & Development (WEED). Ihre Schwerpunkte liegen auf Menschen- und Arbeitsrechten entlang globaler Lieferketten.)

 

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